Verkehrsversuch im Andreasviertel: Was sich in Erfurt ab 20. April wirklich ändert
Ab 20. April startet der Verkehrsversuch im Andreasviertel Erfurt. Was sich für Michaelisstraße, Radverkehr, Anwohner und Gäste ändert.
Was die Stadt im Andreasviertel testet
Ziel, Zeitraum und Einbahnregelung
Das Andreasviertel gilt als eines der dichtesten und kleinteiligsten Altstadtquartiere Erfurts – enge Gassen, historische Bebauung, aber trotzdem jahrzehntelang von Kraftfahrzeugen in beide Richtungen durchquert. Genau das ändert sich nun testweise. Vom 20. April bis zum 31. Oktober 2026 testet die Stadtverwaltung Erfurt, ob eine Umstellung des bestehenden Einbahnstraßensystems zwischen Pergamentergasse und Venedig den Radverkehr spürbar verbessert.

Der Kern des Versuchs: Der Abschnitt zwischen Pergamentergasse und Venedig, der bislang für Kraftfahrzeuge in beide Richtungen befahrbar war, wird zur Einbahnstraße Richtung Norden. Die Ausfahrt aus dem Viertel über die Gassen in Richtung Andreasstraße bleibt erhalten.
Welche Straßen konkret betroffen sind
Michaelisstraße, Moritzstraße, Pergamentergasse
Wer das Andreasviertel heute mit dem Auto von Süden ansteuert, fährt entweder über die Moritzstraße oder die Michaelisstraße direkt in das Quartier. Diesen Weg gibt es ab 20. April für Kraftfahrzeuge so nicht mehr. Die südliche Moritzstraße und die Michaelisstraße sind dann für Kfz ausschließlich über die Pergamentergasse erreichbar – wer von der falschen Seite kommt, fährt einen Umweg.

Für den Radverkehr gilt diese Einschränkung nicht. Die Nord-Süd-Hauptradroute im Alltags- und Freizeitnetz, die über Michaelis- und Moritzstraße verläuft, bleibt in beide Richtungen nutzbar. Für Radfahrer entfällt damit der Begegnungsverkehr mit entgegenkommenden Autos auf diesem engen Abschnitt.
Warum der Versuch den Radverkehr priorisiert
Nord-Süd-Hauptradroute und Zielgruppen
Die Strecke zwischen Altstadt und Klein Venedig ist keine beliebige Nebenroute, sondern Teil der Nord-Süd-Hauptradroute im Erfurter Alltags- und Freizeitnetz. Die Stadt erklärt, sie wolle dort bessere Bedingungen „insbesondere für Kinder, ältere Menschen und ungeübte Radfahrerinnen und Radfahrer“ schaffen.

Dahinter steckt eine reale Engstelle: Wer auf dem genannten Abschnitt mit dem Rad fährt, teilt sich heute eine schmale Gasse mit dem motorisierten Gegenverkehr. Das ist für geübte Stadtradler alltagstauglich, für Familien mit Kindern oder Senioren jedoch regelmäßig eine Stresssituation. Die Einbahnregelung für Kfz löst genau dieses Konfliktpotenzial auf – zumindest für die Dauer des Versuchs.
Was das für Bewohner, Lieferverkehr und Gäste bedeutet
Erreichbarkeit, Umwege und alltägliche Reibung
Wer als Anwohner im Andreasviertel wohnt und ein Auto nutzt, muss sich auf geänderte Anfahrtswege einstellen. Die Einfahrt über den bisher genutzten Südzugang entfällt, die Pergamentergasse wird zum einzigen motorisierten Einfahrtsweg. Das bedeutet Umwege – je nach Ausgangspunkt mehr oder weniger deutlich spürbar.
Für den Lieferverkehr, der in einem Altstadtquartier mit Einzelhandel, Gastronomie und dicht bewohnten Häusern erheblich ist, stellen sich praktische Fragen zur Logistik: Wendemöglichkeiten, Zeitfenster, Ladezonen. Öffentlich verfügbare Informationen dazu fehlen bislang weitgehend. Für Touristen, die das Viertel mit dem Auto ansteuern oder zum nahen Klein Venedig fahren, kommt die Orientierungsaufgabe hinzu – welcher Weg ist der jetzt erlaubte?

Ältere Planungsunterlagen der Stadt dokumentieren, dass der Hauptverkehrsanteil im Andreasviertel bereits überwiegend den Anwohnern selbst zugerechnet wurde. Parksuchverkehr in den Abend- und Nachtstunden galt schon damals als zentrales Störpotenzial.
Warum das Andreasviertel seit Jahren ein Verkehrsproblem verhandelt
Eine Debatte mit langer Vorgeschichte
Der aktuelle Versuch ist kein spontaner Einfall. Bereits 2010 hat die Stadtverwaltung Erfurt Varianten zur alternativen Erschließung des Andreasviertels untersucht und öffentlich diskutiert. Damals wurden unter anderem Einbahnlösungen für die Andreasstraße geprüft, die ähnliche Konflikte aufwarfen wie heute: Wer profitiert, wer wird belastet, wer fährt künftig den Umweg?

Das Grundproblem ist strukturell: Ein historisch gewachsenes Altstadtquartier mit engen Gassen lässt sich nicht gleichzeitig als komfortable Kfz-Durchfahrtszone und als ruhiges, fahrradfreundliches Wohn- und Besuchsquartier betreiben. Die Frage, welche Nutzung Vorrang bekommt, ist eine politische – die Verkehrstechnik liefert dafür nur das Werkzeug. Dass diese Abwägung immer wieder vertagt wurde, erklärt, warum jetzt ein auf sieben Monate befristeter Versuch als Zwischenschritt nötig wird.
Woran sich der Erfolg bis 31. Oktober messen lassen müsste
Prüfsteine, die bisher kaum öffentlich benannt sind
Der Versuch endet am 31. Oktober 2026. Was danach passiert – ob das geänderte Einbahnstraßensystem dauerhaft bleibt, angepasst oder zurückgenommen wird –, ist öffentlich nicht kommuniziert. Konkrete Messkriterien, etwa Zählungen zur Radverkehrsfrequenz, Beschwerdeaufkommen, Unfallstatistik oder Erhebungen zur Aufenthaltsqualität, hat die Stadt bisher nicht öffentlich benannt.
Das ist eine echte Lücke. Ein Verkehrsversuch ohne transparent gemachte Erfolgskriterien liefert am Ende keinen belastbaren Erkenntnisgewinn – sondern nur Meinungen. Ob der Versuch die Radverkehrssicherheit tatsächlich verbessert, ob Anwohner die Umwege akzeptieren und ob der Lieferverkehr funktionsfähig bleibt, lässt sich nur beurteilen, wenn vorher festgelegt wurde, was „funktioniert“ konkret bedeutet. Das Andreasviertel verdient mehr als eine ergebnisoffene Hängepartie bis Oktober.
Vertiefung und Einordnung
FAQ
Was genau wird im Andreasviertel ab 20. April geändert?
Der Abschnitt zwischen Pergamentergasse und Venedig (Moritzstraße/Michaelisstraße) wird für Kraftfahrzeuge zur Einbahnstraße Richtung Norden umgestellt. Für Radfahrer gilt die Einschränkung nicht, sie können den Abschnitt weiterhin in beide Richtungen nutzen.
Warum ist gerade dieser Abschnitt betroffen?
Er liegt auf der Nord-Süd-Hauptradroute im Erfurter Alltags- und Freizeitnetz. Die Kombination aus engem Straßenraum und Kfz-Gegenverkehr macht die Strecke für weniger geübte Radfahrer, Kinder und Senioren unkomfortabel. Die Einbahnregelung für Kfz schafft den Begegnungsverkehr ab.
Wie kommen Anwohner und Lieferverkehr künftig ins Viertel?
Kraftfahrzeuge erreichen die südliche Moritzstraße und die Michaelisstraße ausschließlich über die Pergamentergasse. Die Ausfahrt in Richtung Andreasstraße über die Gassen bleibt erhalten. Für Einfahrten aus bisher genutzten Richtungen entstehen damit Umwege.
Wie lange läuft der Versuch und was passiert danach?
Der Versuch ist auf den Zeitraum 20. April bis 31. Oktober 2026 befristet. Öffentlich kommunizierte Messkriterien oder Entscheidungsprozesse für die Zeit danach liegen bisher nicht vor.
Hat Erfurt solche Verkehrsversuche schon früher gemacht?
Ja. Die Stadt hat bereits 2021 in der Clara-Zetkin-Straße einen Verkehrsversuch zur Reduktion von Kfz-Verkehrsflächen durchgeführt. Im Andreasviertel selbst wurden 2010 alternative Erschließungskonzepte untersucht und öffentlich diskutiert.
Kritische Einordnung und Perspektiven
Perspektive Radverkehr und Sicherheit
Aus dieser Warte ist der Versuch folgerichtig. Eine Hauptradroute, die enge Gassen mit bidirektionalem Kfz-Verkehr teilt, produziert Stress und Konflikte – besonders für die Zielgruppen, die die Stadt explizit nennt. Die Einbahnlösung ist ein niedrigschwelliges Instrument, das ohne teure Infrastrukturmaßnahmen mehr Sicherheit schafft. Der Einwand, dass sieben Monate für belastbare Erkenntnisse zu kurz seien, ist berechtigt; das grundsätzliche Ziel ist es nicht.
Perspektive Kfz-Erreichbarkeit und Anwohnerbelange
Wer im Andreasviertel wohnt oder dort regelmäßig anliefert, verliert durch den Versuch Direktverbindungen. Das ist kein bloßes Unbehagen, sondern ein realer Mehraufwand. Ältere Planungsunterlagen zeigen, dass der Hauptverkehrsanteil im Viertel bereits historisch aus dem Anwohnerverkehr selbst stammt. Genau diese Gruppe trägt die Kosten des Versuchs, ohne dass die Stadt bisher öffentlich erläutert hat, wie ihre Belange in der Auswertung gewichtet werden.
Perspektive Stadtentwicklung und Altstadtmobilität
Der Versuch ist kein isoliertes Verkehrsthema, sondern Teil einer langfristigen Abwägung: Wie viel motorisierte Direktheit verträgt ein historisches Quartier, das gleichzeitig Wohnort, touristisches Ziel und Alltagsradweg sein soll? Dass diese Frage seit mindestens 2010 ohne dauerhaftes Ergebnis verhandelt wird, zeigt das strukturelle Dilemma. Verkehrsversuche sind dabei ein ehrliches Instrument – aber nur dann, wenn ihre Ergebnisse transparent und nachvollziehbar ausgewertet werden.
Faktische Einordnung
| Merkmal | Detail |
|---|---|
| Versuchszeitraum | 20. April – 31. Oktober 2026 |
| Betroffener Abschnitt | Pergamentergasse bis Venedig (Moritzstraße/Michaelisstraße) |
| Neue Regelung Kfz | Einbahnstraße Richtung Norden |
| Einfahrt Kfz | Ausschließlich über Pergamentergasse |
| Ausfahrt Kfz | Weiterhin über Gassen Richtung Andreasstraße |
| Radverkehr | Weiterhin in beide Richtungen |
| Radroute | Nord-Süd-Hauptradroute Alltags- und Freizeitnetz |
| Zielgruppen Radverkehr | Kinder, ältere Menschen, ungeübte Radfahrer |
| Historischer Vorläufer | Erschließungsuntersuchung 2010 |
| Öffentliche Messkriterien | Nicht kommuniziert |
Fazit
Sieben Monate sind ein schmales Zeitfenster, um echte Verhaltensdaten aus einem dichten Altstadtquartier zu gewinnen. Der Verkehrsversuch im Andreasviertel ist kein Radikalprogramm, sondern ein kleiner Eingriff mit konkretem Adressaten: eine Hauptradroute, die für schwächere Verkehrsteilnehmer sicherer werden soll. Ob das gelingt und ob die Umwege für Anwohner und Lieferverkehr vertretbar bleiben, entscheidet sich nicht im April, sondern in der Auswertung. Wer bis Oktober keine Messlatte aufgestellt hat, erntet im November keine Erkenntnis – sondern nur Meinungen, die sich gegenseitig blockieren. Das Andreasviertel hat diese Debatte lang genug geführt.

Quellen
Landeshauptstadt Erfurt – Pressemitteilung: „Mehr Sicherheit für den Radverkehr: Verkehrsversuch in der Michaelis“. Offizielle Ankündigung des Verkehrsversuchs mit Zielen und Regelungen.
https://www.erfurt.de/ef153791
Puffbohne.de – „Verkehrsversuch im Andreasviertel startet“. Lokale Berichterstattung mit Details zur Einbahnregelung und Radroute (April 2026).
https://www.puffbohne.de/verkehrsversuch-im-andreasviertel-startet/
Stadtverwaltung Erfurt – „Untersuchung zu alternativen Erschließungskonzepten des Andreasviertels: Auswertung der Informationsveranstaltung und des Internetforums“. Planungsgrundlage aus 2010, dokumentiert frühere Diskussionen zu Parksuchverkehr und Erschließung.
https://www.erfurt.de/mam/ef/leben/verkehrsplanung/vk/verkehrserschliessung_andreasviertel_ergebnisse.pdf
Stadtverwaltung Erfurt – „Untersuchung zu alternativen Erschließungskonzepten des Andreasviertels: Erläuterungen“. Technischer Textteil mit Variantenprüfung (2010).
https://www.erfurt.de/mam/ef/leben/verkehrsplanung/vk/verkehrserschliessung_andreasviertel_textteil.pdf
